Angelika Möller
Angelika Möller

 

 

 

Tatort Elseaue

Von Angela Cochell

„Marloi – schlaf nicht – Einsatz“, sagte Kriminalhauptkommissar Hans Schubert. Die Uhr zeigte genau 8.21 an.

„Wieso was ist passiert“? fragte Max Marloi.

„Ein Toter am Wehr - beeil Dich“, antwortete Hans.

„Wo ist das denn“?

„Erkläre ich Dir auf der Fahrt“, meinte Schubert.

Die Ermittler fuhren Richtung Tatort. Hans Schubert am Steuer.

Lange Leitung, bis Max Marloi begriffen hatte, was Schubert mit dem Wehr meinte.

Wie eine Rakete schoss es Max durch den Kopf - liegt direkt an der Else, früher war es eine Wassermühle – steht unter Denkmalschutz – ist der heutige Übergang von Südlengern nach Spradow.

Tolle Gegend – Naturschutzgebiet.

„Hans, Du brauchst mir nicht mehr erklären, was Du mit dem Wehr gemeint hast. Bin schon selber drauf gekommen“, meinte Kriminalkommissar Marloi.

„Ziemlich lange Leitung heute“ – oder?

„Was ist da eigentlich passiert“? fragte Marloi.

„Es soll ein Toter in der Else liegen, direkt vor dem Wehr – an der alten Elsemühle“, erwiderte Schubert.

Hat ein Mieter vom Wohnhaus heute Morgen gemeldet. Wenn ich den Namen richtig verstanden habe, heißt der Typ Meier und bedient das Wehr, damit der Flusslauf gewährleistet ist.

„Die Mechanik soll gestreikt haben, weil sich zwischen den Schotten etwas verklemmt haben soll, was wie eine Hand aussieht“, erklärt Hans seinem Kollegen.

„Welchen Krimi hat der denn gestern Abend gesehen“? scherzte Marloi.

Wir werden nachsehen – es ist unsere Pflicht - und dann wissen wir mehr.

Gleich da vorn ist es schon.

Schubert parkte den Dienstwagen dort, wo Platz war. Ganz aufgeregt ging Meier, der die Kripo informiert hatte, den Ermittlern entgegen. Denn inzwischen war nicht nur eine Hand aus dem Wasser sichtbar geworden, sondern ein ganzer Arm hatte sich im Gestrüpp vor dem Wehr verfangen und zeigte Richtung Himmel.

Der Körper – wenn überhaupt noch vollständig, schien sich unter dem ganzen Morast verfangen zu haben.

Die alte Drahttür, welche das Betreten des Wehres vor Unbefugten schützt, quietschte grauenvoll beim Öffnen.

Hans und Max bekamen zum ersten Mal den Einblick, wie sich Herr Meier wohl fühlte, wenn er bei Regen und hoher Windstärke, hier auf dem Steg stand und mechanisch das Wehr bedienen musste.

„Eine ziemlich wackelige Angelegenheit“, meinte Schubert.

Beide Ermittler sahen sich sorgfältig um.

„Wir bekommen große Probleme, wenn dieses ganze Gerümpel - samt Leichnam – durch das Wehr rutscht, den Wasserfall runter und dann im Kolk landet. Die Strömung hier an dieser Stelle ist nicht gerade wenig und der Kolk soll – wie ich gehört habe – sehr tief sein und sehr viele Wasserstrudel in sich verbergen“, sagte Schubert.

„Das müssen wir verhindern“, meinte Max Marloi.

„Herr Meier, können Sie das Wehr so einstellen, das sich der ganze Unrat vor dem Wehr staut“? fragte Marloi.

„Tut mir leid“, sagte Meier – aber ich kann die Bedienung nicht anders einstellen, weil sich die Äste schon in den Zahnrädern verklemmt haben.

„Dann müssen wir jetzt schnell handeln“, sagte Hans.

Eine viertel Stunde später war der Mannschaftswagen der Feuerwehr Bünde zur Stelle. In Windeseile hatten sich zwei der Feuerwehrmänner Taucheranzüge übergerissen und verschwanden im Dunkeln der Else.

„Wir können nur hoffen, das die beiden Taucher den Toten schneller aus dem Gestrüpp befreien können, bevor die Strömung alle zusammen mit in den Kolk reißt“, sagte Marloi.

Langsam – nach wenigen Minuten - tat sich etwas an der Wasseroberfläche. Der leblose Körper kam zum Vorschein.

Nicht gerade etwas für schwache Nerven. Das Gesicht und alles, was man vom Körper erkennen konnte, zeigten sich bläulich gefärbt und aufgedunsen. Es machte den Anschein, als wenn der Kopf des Toten jeden Moment platzen wollte. Herr Meier konnte den Anblick nicht weiter ertragen und ging zurück ins Haus.

Aber dafür hatten sich sehr viele Schaulustige auf der Holzbrücke breit gemacht um alles zu verfolgen. Von der Brücke zum Wehr hat man zwar einen guten Durchblick auf das was dort geschehen war, aber nicht den direkten Einblick. Und das war auch gut so.

Der Leichenwagen war am Fundort angekommen. Das Opfer wurde von den Froschmännern geborgen und in einen Metallsarg gelegt.

Erst jetzt konnte Schubert – trotz des entstellten Gesichtes - erkennen, dass der Tote ein Mann, so um die 30 Jahre alt war und das dieser einige Stichwunden in der Herzgegend hatte.

Zum Glück fanden die Kripobeamten in der Hosentasche des Toten einen Personalausweis, der noch gut lesbar bar. Somit konnten die Personalien schnell ermittelt werden.

Der Tote hieß Vladimir Popalenko, war 25 Jahre alt und russischer Staatsbürger.

Zu diesem Zeitpunkt war es 11.05 Uhr.

Max Marloi konnte es sich nicht verkneifen, einen dummen Spruch loszulassen.

„Der ist bestimmt nicht einfach so in ein Messer gefallen“, scherzte Marloi.

Schubert war gar nicht zum Scherzen zumute. Mit einem strengen und verbissenen Blick sah er seinen viel jüngeren Kollegen Marloi kurz an und dieser wusste sogleich, dass es wohl besser wäre, für die nächste Zeit seine Klappe zu halten.

Der Leichenwagen setzte sich langsam in Bewegung und war jetzt mit dem toten Russen Popalenko aus dem Wehr, auf dem Weg in die Gerichtsmedizin. Dort sollte festgestellt werden, wie und woran der junge Mann tatsächlich gestorben war.

Nach einigen Untersuchungen stand die Todesursache fest. Tot durch Messerstiche. Nach Aussage der Gerichtsmedizin hatte der Tote bereits seit mehreren Wochen im Wasser der Else gelegen.

Nach polizeilicher Ermittlung wohnte Popalenko in Kirchlengern zusammen mit anderen Jugendlichen in einer WG.

Wer war der Täter – oder die Täter - von Vladimir Popalenko?

Hans Schubert saß an diesem Abend länger auf der Bünder Polizeiwache, als an den bisherigen Abenden. Er grübelte über das Mordopfer nach, starrte dabei im Wechsel auf seinen Schreibtisch – dem großen Parkplatz vor der Wache, mit dem direkten Kreisverkehr im Anschluss. Im Unterbewusstsein zählte er sogar die Bäume die auf dem Parkplatz gepflanzt waren und die Autos die ständig im Kreisverkehr rein und raus fuhren.

Die Kirchenglocken von der katholischen Kirche – gleich hinter dem Marktplatz und dem Gerichtsgebäude - unweit von der Polizeiwache Bünde, rissen Schubert aus seinen Gedanken in die Realität zurück.

Die Kirchenglocken gaben neun kräftige Schläge von sich. Es war 21 Uhr – ab nach Hause, morgen ist ein neuer Tag – dachte Schubert.

Am nächsten Morgen um 8.30 Uhr war Kriminalhauptkommissar Hans Schubert und Kriminalkommissar Max Marloi bereits wieder im Einsatz. Beide saßen an ihren Schreibtischen auf der Bünder Polizeiwache und schrieben Protokoll über den gestrigen Einsatz.

Oberwachtmeister Peter Schröder betrat das Dienstzimmer und hatte einen Briefumschlag in der Hand, den er Hans Schubert reichte.

„Der wurde gerade von einem Boten für Dich abgegeben“, sagte Schröder.

„Danke“ – Peter.

Schubert öffnete den Umschlag und ein weißes Blatt Papier mit Tastatur geschriebenen Lettern kam zum Vorschein. Hans überflog das Schreiben.

„Max“ – hör Dir das mal an. Da scheint jemand mehr zu wissen, als wir.

Schubert fing an, den Brief laut vorzulesen.

Hallo….

Mein Name spielt keine Rolle – nennen Sie mich einfach Psyeudo. Ich war einer der Schaulustigen die auf der Holzbrücke am Wehr der Else gestanden haben, als dort der Tote aus dem Wasser gefischt wurde. Obwohl ich meinen Namen nicht preisgeben werde, sehe ich es als meine Pflicht an, Sie darüber zu informieren, was mir vor vierzehn Tagen am Wochenende auf der Holzbrücke aufgefallen ist. Jeden Tag gehe ich mit meinem Hund mehrfach über diese Brücke – in Richtung Kläranlage spazieren. Auch an diesem Abend. Ich weiß noch genau, es war Samstag, der 24. September gegen 22 Uhr. Laute Musik drang mir in die Ohren. In der Innenstadt von Bünde war das alljährliche Fest – der Zwiebelmarkt.

Die Holzbrücke lag vor mir. Von den Grundstücken die direkt an der Else liegen, spiegelten sich die Gartenlampen im Fluss wieder. Die schummerige Straßenlampe vor der Holzbrücke warf dennoch so viel Licht auf die Holzbalken, das es mir aufgefallen wäre, wenn sich etwas verändert hätte.

Alles sah genau so aus wie immer.

An diesem Abend bin ich mit meinem Hund Charly am Klärwerk vorbei, bis zum Rastplatz und noch ein paar Meter weiter in Richtung Kirchlengern spazieren gegangen.

Stockdunkel – keine Laterne weit und breit.

Als ich auf dem Rückweg wieder am Rastplatz vorbei gekommen bin, hatten sich dort vier Jugendliche häuslich niedergelassen. Der ganze Holztisch stand voll mit Vodkaflaschen – volle und auch leere - und ein kleines Lagerfeuer brannte. Beim Vorbeigehen konnte ich eindeutig erkennen, dass die Jugendlichen ganz schön Alkohol getankt hatten. Sie waren lustig, machten Witze und sprachen mich sogar an, ob ich nicht einen Vodka mittrinken wollte. Den Alkohol habe ich verneint, habe mich aber kurz mit zweien von Ihnen unterhalten. Beide hatten eine ziemlich rechtsradikale Einstellung.

Nach wenigen Minuten setzte ich meinen abendlichen Spaziergang mit Charly fort.

Am Klärwerk konnte ich immer noch den Lärm von den Jugendlichen auf dem Rastplatz hören. Nicht das ich Angst behabt hätte, aber eigentlich war ich doch heilfroh, als ich die Holzbrücke auf dem Rückweg wieder erreicht hatte. Nichts hatte sich verändert. Die Brücke stand genau so da wie auf dem Hinweg.

Am Sonntag, den 25. September habe ich dann meine abendliche Runde mit meinem Hund – etwas früher – so gegen 21.00 Uhr erledigt. Es war eigentlich alles so wie sonst auch. Bis mein Hund stärker an der Leine zog, als sonst. Charly hatte Witterung aufgenommen und zog mich direkt zu einer Lücke im Geländer der Brücke, in der gestern noch eine Holzstrebe gesessen hatte. Immer und immer wieder schnüffelte Charly an den Holzbalken, stecke den Kopf durch die Lücke und sah in die Else.

Charly ist als Fährtenhund ausgebildet. Und ich bin mir sicher, dass die defekte Holzbrücke etwas mit dem Toten im Wehr zu tun hat. Ob es so ist, das müssen Sie jetzt heraus finden. Es war meine Pflicht, Sie über diese Beobachtungen zu informieren.

Psyeudo

„Was meinst Du zu dieser Aussage“? fragte Hans seinen Kollegen.

„Ich finde, wir sollten die Holzbrücke unter die Lupe nehmen“, antwortete Marloi.

„Na dann komm“ – auf geht’s.

Hans und Max stiegen in ihren Dienstwagen und fuhren los.

„Da vorn bei dem Bäcker kannst Du mal halten – ich brauche erst etwas zu Essen – habe heute noch nicht gefrühstückt“, meinte Marloi.

Es war bereits 11.30 Uhr.

„Kann ich Dir etwas vom Bäcker mitbringen – ein belegtes Brötchen vielleicht“? fragte Max.

„Wenn Du es ausgibst“, antworte Hans, dann habe ich nichts dagegen.

„Kein Problem“, erwiderte Max.

Marloi betrat die Bäckerei, gab seine Bestellung auf, zahlte und war auch sogleich mit zwei belegten Brötchen wieder draußen. Das Frühstück wurde auf dem Weg vom Bäcker bis zur Holzbrücke an der Else verkonsumiert.

Hans parkte den Dienstwagen auf dem gleichen Parkplatz an der Elsemühle, wie an dem Tag, als dort der Tote Vladimir aus dem Wasser geborgen wurde. Zu Fuß machten sich die zwei Kripobeamten auf den Weg Richtung Holzbrücke, die in etwa fünfzig Meter Entfernung lag.

„Dort ist die Stelle die der Pseudotyp beschrieben hat, wo die Holzstrebe in der Brüstung fehlt“, sagte Hans.

Sieht so aus, als wenn die Strebe mit Gewalt heraus gebrochen wurde.

„Ich habe so eine Ahnung“, meinte Marloi.

„Und welche“? fragte Hans.

„Nein, das kann nicht sein“ – dachte Max.

„Mein erster Gedanke war, dass der Tote Popalenko hier durch diesen Spalt, wo die Holzstrebe fehlt, in die Else geworfen wurde, nachdem er mit etlichen Messerstichen getötet wurde“, sagte Marloi.

„Die Überlegung ist nicht schlecht“, meinte Hans.

Aber das kann nicht funktionieren, weil hinter der Lücke in der Brüstung eine Metallverstrebung überkreuz befestigt ist. Da passt kein menschlicher Körper durch. Die Spurensicherung muss her und die Holzbrücke auf den Kopf stellen.

„Okay“, sagte Marloi.

Ich rufe an.

Es war 13.45 Uhr als die Spurensicherung die Holzbrücke – Stück für Stück - unter die Lupe nahm.

„Jungs, habt Ihr schon was gefunden“? fragte Hans Schubert.

Noch nichts Interessantes. Aber wenn es was gibt, werden wir es auch finden, meinte Jan Schulze von der Spurensicherung. Die Uhr zeigte 15.10 an, als Jan etwas zwischen den Holzbalken gefunden hatte. Es war ein abgebrochener Fingernagel, verklemmt in einem Holzspalt. In den darauf folgenden zwei Stunden wurden noch eine 10cent Münze und Zigarettenkippen sichergestellt.

Aber keine Spur von Blut!

„Scheiße“ – sagte Kriminalhauptkommissar Schubert.

Wäre ja auch zu schön, wenn die Brücke der Tatort gewesen wäre. Der Fingernagel, die Münze und die Kippen können zu jedem Sparziergänger gehören.

Es war 16.15 Uhr als die Spurensicherung wieder abrückte.

„So Max“, meinte Hans – wir werden jetzt auch hier das Feld räumen und zur Dienststelle zurückfahren. Gleich morgen früh werden wir zu dem Rastplatz fahren, der hinter der Kläranlage liegt, den uns der Pseudotyp beschrieben hat. Vielleicht haben wir dort mehr Glück und finden Beweismittel, die mit dem Toten Vladimir Popalenko in Verbindung stehen.

„Wie war das noch“? fragte Marloi.

„Die Gerichtsmedizin hat doch festgestellt, dass der Tote bereits seit mehreren Wochen in der Else liegt“ – oder?

Demzufolge könnte der Tote doch auch schon in Bünde an der Badeanstalt, an der Bismarckbrücke, oder ganz woanders in die Else geworfen worden sein!

“Lass uns das mal gedanklich zurückverfolgen“, meinte Max Marloi.

Hauptkommissar Marloi war voll und ganz bei der Sache.

In Gedanken ging er sämtliche Kleinigkeiten durch, wie und wo alles passiert sein konnte.

Wenn ich jetzt den Tatort – Bismarckbrücke – zugrunde lege - sagte Max - zwischen der Bismarckbrücke und dem Wehr an der alten Elsemühle, gibt es vier mal 90 Grad Biegungen. Der Tote Vladimir wäre bestimmt in irgendeiner Elsebiegung am Ufer hängen geblieben.

„Kommt auch wieder auf die Strömung an“, fügte Hans Schubert hinzu.

„Richtig“ – lass mich einfach weiter laut nachdenken.

Also, noch mal. – Laut Gerichtsmedizin lag der Tote Vladimir seit Wochen in der Else. Jetzt haben wir Ende September – also ist die Todeszeit circa Ende August gewesen.

Super Wetter in diesem Jahr – die Else hatte kein Hochwasser, welches über die Ufer ging – der Fluss hatte im August einen ganz normalen Pegelstand – also auch keine großartige Strömung.

„Was murmelst Du Dir da in den Bart“? fragte Hans.

„Ganz einfach“, sagte Max.

Wenn alles so war, wie ich es Dir gerade geschildert habe, kann der Tote nicht an der Bismarckbrücke ermordet worden sein. Von der Bismarckbrücke bis zum Wehr an der Elsemühle, hätte der Tote nicht Wochen, sondern Monate im Wasser verbracht.

„Ich bin der Meinung, wir sollten uns bei der Suche morgen früh auf die Elseauen konzentrieren“, sagte Hauptkommissar Max Marloi.

„Genau - und jetzt ist Feierabend – 18.30 Uhr - wir haben ja schließlich auch noch ein zu Hause“, meinte Hans Schubert.

Aus Hauptkommissar Max Marloi konnte bei der Bünder Kripo noch richtig was werden. Wieder einmal hatte er ein ganz besonderes Gespür in der Nase, welches den Mord an Popalenko betraf.

Kurz nach 8.00 Uhr am nächsten Morgen fuhren Kriminalhauptkommissar Hans Schubert am Steuer und Kriminalkommissar Max Marloi durch die Bünder Innenstadt. Am Postamt vorbei, die Badeanstalt ein paar Meter weiter – rechts liegend – bis zur Ampelkreuzung am alten Zollamt. Hans bog rechts ab und nach etwa 400 Meter hinter dem Autohaus lenkte er von der Hauptstrasse den Dienstwagen in eine Seitenstrasse ein, die direkt zum Klärwerk führte. In wenigen Minuten hatten die Ermittler den Rastplatz hinter dem Klärwerk erreicht.

„Wie sieht das hier denn aus“? fragte Schubert.

„Meiner Meinung nach, hat hier jemand eine heiße Nacht verbracht“, antwortete Marloi.

Sieh Dir nur mal die Holzbänke und den Holztisch an. Jemand hat versucht, hier alles zu verbrennen. Sogar an dem Müllbehälter hat man sich zu schaffen gemacht.

„Sieh mal Hans, dort im Abfall unter der alten Plastiktüte - die neben der Mülltonne liegt - blitzt etwas“, meinte Max.

Hans schob mit dem Fuß die Plastiktüte zur Seite.

Eine blutverschmierte Messerspitze kam zum Vorschein.

„Geil“, platzte es Marloi heraus.

Ich wusste, dass wir auf der richtigen Spur sind.

Schubert grinste.

Hans zog sich Handschuhe über und ließ das blutverschmierte Messer in einer Plastiktüte - für die Untersuchung bei der Spurensicherung – verschwinden. Diese sollte jetzt feststellen, ob das Blut am Messer mit dem von Vladimir identisch ist.

Der Zeiger stand auf 11.10 Uhr als sich Jan Schulze von der Spurensicherung bei Hans Schubert telefonisch meldete.

Leute! - Volltreffer – das Messer war die Tatwaffe.

Den kompletten Bericht lasse ich Dir schnellstens per Email zukommen.

„Danke Jan“, sagte Schubert. Man sieht sich – bis später.

13.25 Uhr

Hans Schubert und Max Marloi parkten ihren Dienstwagen gleich am Anfang des Grasweges im Naturschutzgebiet der Elseauen. Dieses Gebiet wird in den warmen Sommermonaten von Jugendlichen gern für wilde Feten am Ufer der Else genutzt.

Marloi hatte mal wieder so eine Ahnung.

Auf dem Grasweg hinter der zweiten Brücke, die über einem ausgetrockneten Bach führt, bog Max links ab und ging über die Wiese, direkt auf das Elseufer zu.

Hans Schubert folgte ihm.

Bis jetzt war den Kripobeamten noch nichts außer gewöhnliches aufgefallen. Als sie dem Fluss näher kamen, vernahmen sie Stimmen und Musik. Die Schritte der Ermittler wurden immer schneller. Bis sie plötzlich drei Jugendlichen – volltrunken – die sich kaum noch auf ihren eigenen Beinen halten konnten - gegenüber standen.

„Kripo - könnt Ihr euch ausweisen“? fragte Max.

„He Ihr Penner, was wollt ihr denn – verschwindet hier“, schrie einer der Jugendlichen die Kripobeamten an.

„Ganz ruhig – Kleiner“ erwiderte Hans.

Wir haben nur gefragt, ob ihr euch ausweisen könnt.

„Verpisst euch – ihr scheiß Bullen sonst gibt es Schläge“, gab der Jugendliche erneut zurück. Seine Kumpel nannten ihn Viktor.

„Das hat so keinen Sinn – damit kommen wir nicht weiter“, sagte Marloi. Die nehmen wir erst einmal mit zur Wache.

Schubert nahm sein Handy und gab den Standort an die Polizeiwache durch um Verstärkung anzufordern. In wenigen Minuten traf der Mannschaftswagen die sogenannte „Grüne Minna“ mit drei Polizeibeamten ein. Nach kurzen, kräftigen Gerangel wurden die Jugendlichen in Handschellen auf die Bünder Polizeiwache gebracht und dort in Verwahrung genommen. Als erstes wurden von jedem Jugendlichen Fingerabdrücke genommen und alles was sie bei sich trugen, wurde sichergestellt. Unter anderem auch die Personalausweise. Jetzt wusste Schubert auch, mit wem er es zu tun hatte.

Viktor Grasnicov – Sergej Obanoff und Henry Oberbrink.

In der personaldienstlichen Erkennung stellte sich heraus, dass die drei die Mitbewohner von Vladimir Popalenko waren.

„Viktor scheint der Boss von der Truppe zu sein. Die anderen zwei sind nur seine Handlanger“, sagte Hans Schubert zu Marloi.

„Das Gefühl habe ich auch“, antwortete Marloi.

Am späten Abend meldete sich Jan Schulze von der Spurensicherung noch einmal telefonisch bei Hans Schubert.

„ Ich habe noch eine gute Nachricht für euch“, meinte er.

Nicht nur das Messer war die Tatwaffe, sondern es befinden sich auch Fingerabdrücke darauf.

„Lass mich raten – die Abdrücke gehören zu Viktor“ meinte Schubert.

„Genau“, antwortete Jan.

„Danke für die gute Nachricht. Wenn wir nichts beweisen können, müssten wir die drei morgen früh wieder gehen lassen“, sagte Hans.

„Gut, das das nicht der Fall ist“, dachte er.

Danke noch mal, Jan – bis später.

Am nächsten Morgen um 8.25 Uhr wurden die Jugendlichen von Oberwachtmeister Peter Schröder ins Verhörzimmer gebracht, wo Kriminalhauptkommissar Schubert und Kriminalkommissar Marloi bereits warteten. Schubert hatte Marloi bereits unterrichtet, dass die Fingerabdrücke von Viktor Grasnicov auf der Tatwaffe sichergestellt wurden. Danach musste Viktor auch der Täter sein.

„Was sollen wir eigentlich hier. Sie müssen uns gehen lassen, wir haben nichts getan“, sagte Viktor sehr gereizt.

„Ihr habt nichts getan“? fragte Marloi.

„Dann erklär mir doch bitte wie deine Fingerabdrücke und das Blut von Popalenko auf die Tatwaffe gekommen sind, die Vladimir getötet hat“? fragte Schubert.

„Welche Tatwaffe – wer ist Popalenko“? fragte Viktor grinsend.

„Gib es zu das Du Vladimir getötet hast“, warf Max Marloi ein.

Schweigen!

Obwohl die beiden Kumpel von Viktor die ganze Zeit ihren Mund nicht aufgemacht und auch nicht von den Kripobeamten befragt worden sind, brach Henri das Schweigen.

„Ich habe Dir gleich gesagt, das kann nicht gut gehen“, sagte dieser zu Viktor.

„Halt die Schnauze – sonst geht es Dir genau so“, fuhr Grasnicov ihn an.

Was er da geäußert hatte, war ein Zugeständnis, dass er Vladimir getötet hatte.

Um 10.10 Uhr hatten die Kripobeamten Viktor so in die Mangel genommen, dass dieser vom Stuhl aufsprang und durch das ganze Verhörzimmer brüllte.

„Das Schwein hat es verdient. Er hat meine Schwester Edith ausgenutzt und beleidigt“, schrie Viktor.

„Warum, was hat Popalenko getan oder gesagt“? fragte Hans Schubert.

Etwas ruhiger antwortete Viktor. „Wir wollten einfach nur abhängen, saufen und Fete machen in den Elseauen. Wir waren alle gut drauf. Bis plötzlich Vladimir anfing, meine Schwester mit Worten in den Dreck zu ziehen. Er hat behauptet, meine Schwester wäre eine geile Bumskuh. Für Geld würde sie alles tun. Und er könnte es auch beweisen.

Da bin ich ausgerastet.

„Ich nahm mein Messer und stach mehrfach auf Vladimir ein“, gestand Viktor.

Anschließend haben wir ihn in die Else geworfen und auf dem Weg nach Hause habe ich das Messer - hinter der Kläranlage – auf dem Rastplatz - neben den Mülleimer geworfen.

Triumphierend klang seine Stimme.

Ihr könnt mich ruhig verknacken, ihr scheiß Bullen.

„Ich bereue nichts, aber auch gar nichts, was ich getan habe. Denn ich liebe meine Schwester über alles“, das waren Viktor seine letzten Worte, als er und seine Kumpel von Oberwachtmeister Peter Schröder für die staatsanwaltschaftliche Untersuchung abgeführt wurden.